„Mensch, wo bist du?“

Wir stehen am Wald. Wald kann vieles sein. Ein hoher lichter Laubwald, kathedralenartig über uns. Ein Ort, der die Erfahrung von Licht und Transparenz bietet, viel besungen in Volksliedern, von Gesangvereinen. Er ist aber auch ein dichtes Gestrüpp, Unterholz. Oder dichter, dunkler Nadelwald. Ein unheimlicher Ort, an dem es nachts beängstigend knackt und knistert. Ein Ort der Angst und der Verwirrung in vielen Märchen.

Er ist Ort vielfältigen Lebens:

• Tiere finden in ihm Schutz, wohnen dort in Höhlen, Bauen und Nestern. Nüsse, Blätter Blüten mit Nektar, frische Triebe, Samenkörner geben ihnen Nahrung. Die einen finden Schutz vor den anderen in dichtem Gestrüpp.

• Es wachsen dort Laubbäume mit hohen, lichten Kronen. Nadelbäume bilden dichte Schonungen und erfreuen uns an Weihnachten. Mit seinen Kräuter und Beeren können wir Maibowle trinken, können Marmeladen Kochen oder auch einfach Beeren naschen. Wir bewundern die vielen verschiedenen Blumen, in allen Farben und Formen und schauen auf große Büschel von Farnen, wogende grüne Meere.

• Im Herbst sammeln wir Pilze, die wir in vielen Varianten dort sammeln können. Viele von ihnen leben, von uns unerkannt, im Boden und auf Pflanzen.

• Und die Insekten: Käfer und Fliegen, Spinnen und Raupen. Wir erfreuen uns an Schmetterlingen, die über die Blüten tanzen. Der Altweibersommer glitzert in silbernen Fäden.

• Der Wald bietet Spaziergängern und Wanderern Raum für ihre Bewegung, mancherorts auch in Kletterwäldern ein künstlich-natürliches Sporterlebnis.

• Er wird wirtschaftlich genutzt, dient zu Geldverdienen, Wir sitzen auf Stühlen und Leben in Möbeln, ja aus ganzen Häusern aus Holz und beschreiben Tonnen von Papier.

Der Wald bietet uns heute Abend noch einen anderen Blickwinkel: Dazu lesen wir in der Bibel im Buch Genesis (Gen.3,8-11):

Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens. 9 Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. 11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?

Der Wald ist uns heute Abend Anlass, nachzudenken über unseren Umgang mit Schuld, mit Verfehlung. Menschen verstecken sich, wollen Schuld nicht sehen, wollen nicht, dass andere ihre Schuld sehen. Adam meint, sich vor Gott verstecken zu können.

(langsam mit Pausen lesen)

• Wir erleben oft, dass falsches Tun nicht eingestanden wird.

• Wir erleben die sprichwörtliche Salamitaktik, Schuld nur insoweit einzugestehen, als sie nachweisbar ist oder nachgewiesen wird.

• Wie fühlt es sich an, zu spüren, dass ich etwas Falsches getan habe, dass ich Schaden verursacht habe oder jemanden verletzt habe?

• Die Ausweglosigkeit, das Gefühl, es war wirklich falsch, es ist nicht mehr zu ändern, ich war’s, ich hab’s getan.

• Die Angst vor den Folgen. Was wird passieren? Ich muss die Last der Konsequenzen tragen.

• Im schlimmsten Fall: Mein Leben wird sich dadurch völlig ändern!

• Wie lebt man mit der Angst, erkannt zu werden, erwischt zu werden?

• Wie groß wird der Wunsch nach Erlösung von dieser Angst, nach Vergebung der Schuld?

• Der Wunsch danach, trotzdem ein Mensch zu sein, angenommen oder zumindest nicht verachtet zu sein?

• Mensch, wo bist du? Wenn wir diese Frage nicht einzig als Aufforderung zur Rechtfertigung verstehen, sondern als Angebot Gottes, als Gottes Suche nach uns, als Angebot von Beziehung, von Nähe? Welche Chance steckt darin?

Pause

Herr, wir bitten dich: Gib uns Kraft, zu unserem Handeln zu stehen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Lass uns Menschen sein, erkennbar und nicht versteckt, abgewandt voneinander. Und gib uns Verständnis, ja eigentlich Liebe, Nächstenliebe, die ein solches Verstehen, ein Miteinander Leben möglich macht. Lass uns heraustreten aus dem Wald unsers Versteckens, damit wir für einander und miteinander Mensch sein können und so auch deine Nähe spüren können.

Amen

Bernd Weil

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